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Kategorie: Mitteilung

In der Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit nach dem Eingehen des Leinengewerbes schuf die aufkommende Zigarrenfabrikation einen glücklichen Ausgleich.

1873 kaufte Friedrich Rotmann aus Steinfurt das erst 1970 abgebrochene, als "Rotmanns Fabrik" bekannte Gebäude  an der Kirchstraße von Martin Cruse, der es 1850 als eigenes Fabrikgebäude errichtet hatte, aber seine Tuchfabrikation in der Krisenzeit nach 1860 einstellte. Neben Wettringen gründete die Firma Rotmann mit Hauptsitz in Steinfurt noch Filialen in Neuenkirchen, Leer (Kr. Steinfurt) und Rulle bei Osnabrück.

Die Anfänge der Tabak- und Zigarrenfabrikation in Wettringen liegen aber schon etwa 15 Jahre zurück. Erstmals berichtet der Bürgermeister im März 1857 an den Landrat: "Die Tabakfabrikation scheint sich hier eines guten Erfolges zu erfreuen", ähnlich im September 1858: "Tabak und Zigarren finden guten Absatz" und 1860: "Lebhafter Aufschwung  der Tabak- und Zigarrenfabrikation". Es sind die Jahre der stärksten Krise der jungen Nesselweberei in Neuenkirchen und Wettringen, so dass man an die neue Erwerbsquelle die größten Hoffnungen knüpfte. In dem Filialbetrieb Wettringen ging die Zahl der Beschäftigten nach den vorliegenden Berichten auch in den Jahren nach 1873 nicht über 60 hinaus. Nach einem amtlichen Bericht waren 1878 bei Rotmann  26 männliche und 8 weibliche erwachsene Arbeiter beschäftigt, dazu an Jugendlichen 14 männliche und 2 weibliche von 14-16 Jahren und 2 Jungen von 12-14 Jahren. 1895 arbeiteten bei  Rotmann  45 Arbeiter gegen einen durchschnittlichen Tagelohn von 2 Mark  (der Lohn bei Kümpers betrug in der selben Zeit 2,50 Mark). Am 1.4.1916 wurde der Betrieb nach vorausgegangenen Differenzen  mit der Gemeinde in Steuersachen eingestellt, 25 Arbeiter gingen seitdem täglich zur Rotmann`schen Fabrik nach Burgsteinfurt.  Nach dem Kriege wurde die Fabrikation in Wettringen aber wieder aufgenommen, bis sie am 31.8.1963 endgültig zum Erliegen kam.

Weitere kleinere Zigarrenherstellungen in Wettringen gab es schon vor 1900. Familie Prümer stammt von dem Kotten Prümer (jetzt Dankbar) am Welberger Damm. Die Brüder , Bernhard (der den alten Schultenhof Frohoff kaufte), Johann (Besitzer des Engel´schen Hauses an der Kirchstraße)  und Heinrich (Ketten-Prümer) betrieben vor 1900 auf dem väterlichen Kotten Zigarrenherstellung im Kleinen. Dann gründeten sie gemeinsam eine Zigarrenfabrik in dem Haus Werninghoker Str.1, neben Schulte Frohoff an der alten Aabrücke gelegen. Aus Platzgründen wurde diese später in dasEngel´sche Haus verlegt.  1895 beschäftigte sie  12 Arbeiter; 1937 gaben die Inhaber den Betrieb auf.

Um 1900 war Bernhard Husken, Bergstr. 20, Zigarrenmacher. Um 1925 betrieben seine Söhne Johann und August eine kleine Zigarrenfabrik. Sie bestand mit 12 Beschäftigten noch 1938, die die bekannten Marken „Benita“, „Corona“ und „Johann Sebastian Bach“ nach eigenem Rezept fertigten. Weiterhin wurde im Hause Husken auch durch das „Stopfen“ ein paar Mark hinzuverdient. Geschnitten und gewogen wurde der Tabak (Krüllschnitt) in zuvor geklebte und in Formen gesteckte Tüten verfüllt. Und dabei mußte eben nachgestopft werden. Auf diese mit einem Segelschiff versehenen Tüten stand neben dem Herstellernamen auch die Werbung: Garantiert aus Übersee.

Abnehmer gab es in den Anfangsjahren durch Gastwirte und Tabakhandlungen von Ahaus bis Lingen, später beschränkte sich die Kundschaft mehr auf Privatleute, die auf ihre Marke schwörten. Bis 1974 drehte August Husken noch in Handarbeit liebevoll seine Zigarren, auch wenn er des öfteren zugab: „Gemessen an anderen Berufen kann man hiermit keine Reichtümer gewinnen.“ Mit seinem Tod fand die Zigarrenherstellung in Wettringen für immer ein Ende.

Quelle:  Heimatbuch Brockpähler